„Was schlimm ist“ von Gottfried Benn


Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

Bei Hitze ein Bier sehn,
das man nicht bezahlen kann.

Einen neuen Gedanken haben,
den man nicht in einen Hölderlinvers einwickeln kann,
wie es die Professoren tun.

Nachts auf Reisen Wellen schlagen hören
und sich sagen, daß sie das immer tun.

Sehr schlimm: eingeladen sein,
wenn zu Hause die Räume stiller,
der Café besser
und keine Unterhaltung nötig ist.

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

Das Gedicht ist ein Gegenstück zu Bertolt Brechts Vergnügungen! Da haben sich zwei „Großdichter“ gebattelt. Ein Poetry-Slam der 50er-Jahre. Beide vom Expressionismus kommend, jetzt ariviert und erfolgreich. Einer in Ost-, der andere in West-Berlin. Doch während Brecht die Aufzählung der vergnüglichen Dinge wählt, eine Liste der Freuden, gleichrangig in der Form, wählt Benn die bewusste Steigerung. Ein dreigliedriger steigernder Aufbau auf formaler und inhaltlicher Ebene. Schlimm – schlimmer – am schlimmsten, so lautet der Dreiklang.

Die ersten vier Verse thematisieren kleine Ärgernisse, die im Alltag begegnen können. Stehen die ersten vier Verse unter dem Positiv „schlimm“, so beginnt die fünfte Strophe mit der Steigerung „sehr schlimm“. Der letzten Strophe vorangestellt ist der Superlativ „am schlimmsten“. Hier kommt die Wende – vom eher belanglosen zum bedeutungsschweren, zum Tod.
Man nennt das Katalogpoesie, die Übel oder Güter reiht. Diese Form ist so alt wie die Lyrik selbst. Sie mobilisiert den Wunschtraum wie den Angsttraum. Ihre Form findet sie schon bei den Griechen in dem, was die Literaturwissenschaftler Priamel nennen.
Das kunterbunte der Aufzählung bei Benn nimmt dem Ganzen die Gleichförmigkeit und Langweile.
Wenn mann genauer hinschaut, genauer hinhört ist das ganze Gedicht ein Sehnsuchtslied. Eine Hymne auf den Kriminalroman, ein kaltes Bier, Lyrik, das Meer, Kaffee
und ein leichtes Ende.




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