„Sich fügen heißt lügen …“ – in Erinnerung an Erich Mühsam

In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Der Schriftsteller und Publizist wurde von den Nazis schon früh wegen seiner anitmilitaristischen und anarchistischen Ansichten und Aktivitäten verfolgt. Am 28. Februar 1933, in der Nacht des Reichtagsbrandes, wurde er verhaftet und in das Gefängnis in der Lehrter Straße gebracht. Nach Gefangenschaft im KZ Sonnenburg, im Gefängnis Plötzensee und im KZ Brandenburg wurde er am 2. Februar 1934 ins KZ Oranienburg verlegt.

In diesem Kultursplitter möchte ich an Mühsam erinnern:

Der Gefangene

Ich hab’s mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Jetzt haben sie mich einkasernt,
von Heim und Weib und Werk entfernt.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!

Ich soll? Ich muß? ­ Doch will ich nicht
nach jener Herrn Vergnügen.
Ich tu nicht, was ein Fronvogt spricht.
Rebellen kennen beßre Pflicht,
als sich ins Joch zu fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Der Staat, der mir die Freiheit nahm,
der folgt, mich zu betrügen,
mir in den Kerker ohne Scham.
Ich soll dem Paragraphenkram
mich noch in Fesseln fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Stellt doch den Frevler an die Wand!
So kann’s euch wohl genügen.
Denn eher dorre meine Hand,
eh ich in Sklavenunverstand
der Geißel mich sollt fügen.
Sich fügen heißt lügen!

Doch bricht die Kette einst entzwei,
darf ich in vollen Zügen
die Sonne atmen ­ Tyrannei!
Dann ruf ich’s in das Volk: Sei frei!
Verlern es, dich zu fügen!
Sich fügen heißt lügen!

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