Wie stellt man Literatur aus?

Das Museum Hermann Hesse in Montagnola

Im April habe ich eine Museumsreise unternommen und mehrere Museen in Süddeutschland und der Schweiz besucht. Im Rahmen dieser Reise habe ich Interviews geführt und werde diese in lockerer Folge die nächsten Wochen veröffentlichen. Den Auftakt macht das Gespräch mit Frau Bucher vom Museum Hermann Hesse im Tessin.

Foto Michael Schrodt © Fondazione Hermann Hesse

Regina Bucher ist ausgebildete Kulturmanagerin und studierte Sonderpädagogik in Hamburg. Als Direktorin des Museums in Montagnola kuratiert sie seit 1998 Ausstellungen im In- und Ausland. Seit 2000 bekleidet sie ebenfalls die Stelle als Direktorin der Fondazione Hermann Hesse Montagnola.

Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Kataloge und Werke über Hermann Hesse und die Kunst des 20. Jahrhunderts.


JB: 1919 kommt Hermann Hesse ins Tessin nach Montagnola. Zuerst wohnte er in der Casa Camuzzi, einem schlossähnlichen Palazzo mit terrassierter Gartenanlage. 1931, nach zwölf Jahren in der Casa Camuzzi, zieht er mit seiner Frau Ninon in ein neu gebautes Haus, das ihm von den Züricher Freunden Elsy und Hans C. Bodmer auf Lebzeiten zur Verfügung gestellt wird. Das Museum befindet sich in der Torre Camuzzi. Warum konnte es nicht in der Casa Camuzzi oder in der späteren Casa Hesse eröffnet werden?

RB: Als die Besitzerin der Casa Camuzzi, Rosetta Camuzzi, Anfang der 1990er-Jahre starb und die Erben das Haus zum Verkauf freigaben, bemühte sich der mittlere Hesse-Sohn Heiner, Sponsoren zu finden, um den Palazzo zu kaufen und dort ein Museum einzurichten.
Leider vergeblich, denn die acht Wohnungen wurden an Privatpersonen verkauft, die nun als Eigentümergemeinschaft die Liegenschaft bewohnen und verwalten. Die Casa Rossa ging nach dem Tod Ninon Hesses 1966 an die Erben Bodmers zurück, welche es an eine italienische Familie verkauften. Weder die öffentliche Hand noch Privatpersonen waren zu der Zeit daran interessiert, diese Häuser für eine Gedenkstätte zu erwerben.

Glücklicherweise konnte 1997 die zum Komplex der Casa Camuzzi gehörende Torre Camuzzi angemietet werden, um dort das Museum einzurichten.

JB: Was ist das Ziel des Museums?

RB: Laut Stiftungszweck unserer Fondazione Hermann Hesse, die das Museum betreibt, haben wir folgende Aufgaben:  

  • Die Verbreitung und Vermittlung, auf nationaler wie internationaler Ebene, des Gedankenguts, des künstlerischen und literarischen Werkes Hermann Hesses;
  • die Unterstützung der wissenschaftlichen Forschung und die Verbreitung ihrer Ergebnisse;
  • die Ausarbeitung und Realisierung von Aktivitäten und Projekten, die diesen Zielen dienen.

Die Ziele unseres Museums sind damit umrissen. Man kann ergänzen, dass es uns wichtig ist, besonders junge Besucher zu erreichen sowie das Museum auf eine gute finanzielle Basis zu stellen, damit sein Fortbestand gesichert ist.

JB: Wie stellt man eine so prominente Persönlichkeit wie Hermann Hesse aus? Besteht nicht die Gefahr, dass die Literatur und sein Werk in den Hintergrund tritt?

RB: Es ist in der Tat nicht einfach, das richtige Gleichgewicht zu finden. Wir haben uns bemüht, durch persönliche Gegenstände und Fotografien einen Einblick in Hesses Persönlichkeit zu geben, ohne ihn als eine Kultfigur aufzubauen. Sein literarisches Schaffen wird durch prägnante Zitate und kurze Zusammenfassungen gewürdigt – wir haben ganz bewusst darauf verzichtet, die Wände mit Text zu „tapezieren“.  

Besonders wichtig ist es uns, dass die wichtigsten Inhalte zur Sprache kommen und der Besucher durch die Ausstellung angeregt wird, bestimmte Aspekte durch das Lesen eines Werkes zu vertiefen.

JB: Verfügt das Museum über eine große Sammlung? Voraus besteht die Sammlung und stammen die Objekte aus dem Nachlass von Hesse?

RB:
Die Sammlung ist relativ klein und stammt aus Ankäufen und Schenkungen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Dauerleihgaben aus dem Nachlass des Hesse-Sohnes Heiner Hesse. Beachtlich ist unser digitales Archiv mit hoch aufgelösten Scans Tausender Fotografien.

JB: Das Museum verzichtet auf jegliche Medien, es gibt lediglich einen Einleitungsfilm. Warum haben Sie sich dagegen entschieden, andere Medien einzusetzen?

Hessses Schreibtisch, Foto Sanjiro Minamikawa © Fondazione Hermann Hesse

RB: Das Hesse-Museum in der historischen Torre Camuzzi atmet Geschichte und versetzt die Besucher in die Zeit Hermann Hesses zurück. Die ganze Gestaltung zielt darauf ab, eine ruhige, angenehme, entspannte Atmosphäre zu schaffen, zu der ein Strauß frischer Blumen eher passt als multimediale Ausstattung. Unseres Erachtens schätzen unsere Besucher genau das und sind eher froh, einmal nicht mit medialen Inputs überfrachtet zu werden.
Allerdings haben wir Audioguides, welche auf den Spazierwegen führen, und relativ häufig den Einsatz von Medien in unseren Sonderausstellungen.

JB: Mir schien die Rolle von Hesse als Maler sehr prominent ausgestellt zu sein. Ich hatte aber den Eindruck, die Aquarelle waren von ihm eher zur Entspannung als zu einer späteren Veröffentlichung gedacht. Was hat Sie bewogen, diese so konzentriert auszustellen?

RB: Die Aquarelle von Hesse spiegeln die Schönheit der Tessiner Landschaft und Dörfer wieder. Die Besucher, Touristen wie Einheimische, erleben so mit Hesses Augen etwas, was sie kennen und schätzen.
Für Hesse hatte das Malen eine existenzielle Bedeutung, die er häufig beschrieben hat. Seine Aquarelle sind heute auf dem Kunstmarkt geschätzt und werden weltweit ausgestellt.

JB: Wonach suchen Sie die Themen der Sonderausstellungen aus?

RB: Das ist unterschiedlich. Ich habe eine lange Liste möglicher Themen. Manchmal findet das Thema auch uns, so lernte ich z.B. vor einigen Jahren zufällig den Enkel von Theodor Heuss kennen, und daraus ist eine wunderschöne Sonderausstellung mit Exponaten aus dem Familienarchiv realisiert worden (Eröffnung 8.6.2019). Prinzipiell versuche ich, biografische Ausstellung mit Ausstellungen zur internationalen Rezeption oder zu bestimmten Werken abzuwechseln.

JB: Welche Rolle spielen Veranstaltungen für Ihr Museum? Welche bieten Sie an?

RB: Wir bieten zahlreiche Veranstaltungen an, von interaktiven Spaziergängen für Kinder und Jugendliche bis zu anspruchsvollen klassischen Konzerten.
Das Werk Hesses soll so lebendig gehalten werden, und Aspekte, welche in Ausstellungen nur angedeutet werden, können so vertieft und ergänzt werden. Unsere Veranstaltungen tragen sehr dazu bei, dass unser Museum einen großen Besuchererfolg hat (12000 – 15000 Besucher jährlich).

Blick in die Ausstellung, Foto Michael Schrodt © Fondazione Hermann Hesse

JB: Sie schlagen den Besucherinnen und Besuchern auch vor, auf den Spuren von Hesse zu wandern. In neun Spaziergängen kann man den Spuren des Autors in der Landschaft nachspüren. Wie werden diese Spaziergänge angenommen? Wie ist die Resonanz?

RB: Diese Spaziergänge sind sehr beliebt, mit Audioguides, auf eigene Faust oder mit ausgebildeten Guides. Von meinem Buch „Mit Hermann Hesse durchs Tessin“ (insel tb), in dem ich neun Spaziergänge auf den Spuren Hesses vorstelle, sind knapp 18000 Exemplare verkauft worden – ein Zeichen, dass die Nachfrage groß ist. In der Landschaft spürt man den Orten nach, die Hesse inspiriert haben, die wichtig für ihn waren; und man lernt auch die Dörfer kennen, an denen sich andere große Künstler aufgehalten haben, wie z.B. Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings.

JB: Arbeiten Sie auch mit den anderen Hesse-Museen in Calw und Gaienhofen zusammen? Welche Art der Zusammenarbeit gibt es?

RB: Ja, mit beiden Orten gibt es eine hervorragende Zusammenarbeit, wir halten uns auf dem Laufenden, tauschen Ideen aus und helfen uns gegenseitig. Hin und wieder leihen wir uns gegenseitig unsere Sonderausstellungen aus oder weisen uns auf besonders gelungene Veranstaltungen hin.

JB: Was sind die Pläne des Museums Hermann Hesse für die Zukunft?

RB: Unser Ausstellungsprogramm wird wie bisher fortgeführt, die Ideen gehen nicht aus! Wir hoffen, weiterhin die Besucher zufrieden zu stellen. Unser didaktisches Material für Familien und Schulen, dass wir mit großem Erfolg auf Italienisch anbieten, wird noch in diesem Jahr auch auf Deutsch und Englisch erscheinen.
Verstärkt kümmern wir uns im Moment um unsere Präsenz in den Social Media wie Instagram, damit sich auch zukünftig junge Menschen für Hesse und seine Werke interessieren – denn diese sind von ungebrochener Aktualität.

JB: Liebe Frau Bucher, ich danke Ihnen für das Gespräch!

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