Kraftort im Tessin – Die Taufkapelle von Riva San Vitale

Bei meiner Museumsreise ins Tessin im April dieses Jahres habe ich nicht nur Museen besucht, sondern auch Landschaften und interessante kulturelle Orte. Ich bin flaniert und habe manches entdeckt.

In Riva San Vitale liegt versteckt im Innenhof der Pfarrkirche das Battisterio San Giovanni. Es ist ein eindrucksvoller Ort, von außen eher unscheinbar. Ein Ort den man schwer findet, leicht übersieht, der einen aber – wenn man ihn in Ruhe besucht – gefangen nehmen kann. Mit seinem unverputzten Mauerwerk und einfachen Dachziegeln wirkt er sehr unscheinbar.

Das Gebäude stammt aus dem 5. Jahrhundert und ist das älteste religiöse Bauwerk der Schweiz, das bis heute noch vollständig erhalten ist. Von 1953 bis 1955 wurde es vollständig restauriert. Die Kapelle steht auf eine quadratischen Grundriss und geht in in ein Achteck über. Die Eingangstür befand sich auf der Nordseite. Durch diese traten die Kandidaten ein, um sich taufen zu lassen. 

Im Inneren fällt einem als erstes das sehr große, monolithische Taufbecken ins Auge: ein runder Monolith aus Serizzo aus der romanischen Epoche, der sich über dem antiken, achteckigen Becken erhebt, das im Boden eingelassen ist. Das eigentliche Originalbecken befindet sich also etwa 60 cm tiefer und wird über zwei Stufen erreicht. Im frühen Christentum wurden Erwachsene getauft, die mit dem ganzen Körper im Becken untertauchten (Immersionstaufe). Dass die Taufe in der Urgemeinde durch Untertauchen vollzogen wurde, geht besonders deutlich aus dem Römerbrief Röm 6,3–4 LUT hervor: Der Getaufte hat im Wasser untertauchend Anteil am Sterben und aus dem Wasser auftauchend Anteil am Auferstehen Jesu. Durch den Akt der Taufe entstehe eine Art Schicksalsgemeinschaft mit Jesus.

Der ursprünglich Fußboden ist in Teilen noch erhalten und besteht aus schwarzweißen, in Rosetten angeordneten Marmorfliesen. Der Boden wurde in Laufe der Jahrhunderte mehrmals erhöht, wie man an den Spuren am Taufbecken ablesen kann.

In den halbkreisförmigen Nischen findet man romanische Fresken aus dem 12. Jahrhundert, deren Abbildungen die Geburt Christi und das Jüngste Gericht darstellen. In der Apsis sind Fresken aus ottonischer Zeit erhalten, also um 1000, wobei es sich um Fragmente handelt. Die Bögen über der Apsis sind mit spätromanischen Fresken geschmückt und bilden eine schöne Verzierung.

Auf der Ostseite befindet sich zwischen zwei Nischen eine Apsis mit dem Altar.

Die freigelegten Fresken zeigen eine Christusdarstellung aus dem 10. Jahrhundert. In der linken Nische kann man Christus als Richter beim letzten Gericht erkennen. Unter ihm bläst ein Engel die Auferstehungs-posaune und man sieht die Seelen aus den Gräbern aufsteigen.

Rechts kann man noch schemenhaft einen weiteren Engel mehr erraten als erkennen, der die Verdammten mit einer Geste in die Hölle weist. In den Reden Jesu gibt es zwar Anknüpfungspunkte für Höllenvorstellungen, aber keine dezidierte Höllentheologie oder gar Ortsbeschreibungen des Infernos. Am Ende der Welt, so heißt es zum Beispiel im Matthäusevangelium (Kapitel 13,42f.), werden Engel die bösen ­Menschen von den Gerechten trennen. Die Bösen werden dann in einen ­Feuerofen geworfen, „dort wird ­Heulen und Zähneklappern sein“. Und über das Weltgericht heißt es: Nach dem Urteilsspruch werden die Verfluchten mit dem Teufel und ­seinen Helfern ins „ewige Feuer“ geworfen (Kapitel 25,41). Die kirchliche Malerei hat sich dieser Texte ausgiebig angenommen. Mit die drastischste Darstellung kann man zum Beispiel in der Kuppel des Domes von Florenz sehen. Dort quälen Teufelsgehilfen die Verurteilten mit brennenden Stangen. Eine ausgefeilte theologische ­Lehre zum Himmel oder zur Hölle gibt es ­allerdings nicht. Beschreibungen, was Menschen im Himmel erwartet, verweisen viele Theologen in das Reich von Spekulationen. Seit mehr als hundert Jahren ist in den Kirchen, vor allem den evangelischen, das Interesse an konkreten Vorstellungen allerdings verloren gegangen. Ein Konsens, was der Himmel sei und wo er sich finden lasse, besteht am ehesten noch in der Aussage: Der Himmel ist der „Ort“, an dem die Menschen Gott nahe sind. 

In der rechten Nische ist die Geburt Christi dargestellt. In byzantinisch inspirierter Malweise sieht man Maria, auf dem Bett Liegend , Joseph, die Engel und Hirten mit den Schafen.

Als ältester Sakralbau des Landes hat das Baptisterium eine besondere Bedeutung und gilt als Urstätte der schweizerischen Christentums. Auch heute noch strahlt es eine große Ruhe aus. Es ist ein kontemplatorisches Vergnügen, sich das Innere anzusehen und in der Stille zu verweilen.

Wenn man im Tessin ist, sollte man unbedingt einen Abstecher nach Riva San Vitale machen. Der Ort liegt malerisch an der südlichen Spitze des Lago Lugano. Die Taufkapelle ist das ganze Jahr von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

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Eine Antwort auf Kraftort im Tessin – Die Taufkapelle von Riva San Vitale

  1. Marlene sagt:

    Was für ein beeindruckender Schatz, der da noch erhalten geblieben ist! Vielen Dank für die ausführliche und anschauliche Beschreibung!
    Viele Grüße,
    Marlene

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