Culture isn’t dead – it just smells funny …

Zu diesem Beitrag hat mich  Tanja Praske angeregt, die in ihrem Blog aufruft, einen Blogbeitrag zum Thema „Kultur ist für mich…“ zu schreiben. Meine erste Reaktion war – zur Begriffsbestimmung von Kultur gibt es doch eine Unmenge von gelehrten Büchern.

Und inzwischen gibt es eine beeindruckende Zahl an Beiträgen auf Tanjas Blog.  Je länger ich darüber ich nachdachte was ich beitragen könnte, merkte ich, dass mich viel mehr als das was für mich Kultur ist interessiert, was für uns, was für die Gesellschaft Kultur ist!

Als ich mich dann mit der Frage länger beschäftigte wurde mir deutlich, dass mich als erstes umtreibt, das heute alles als Kultur bezeichnet wird.

Die Inflation des Kulturbegriffes – alles ist Kultur
Heute nennt sich alles Kultur: Bierkultur,  Gartenkultur, Streitkultur, rechtsextreme Subkultur, Badezimmerkultur … Es gibt sogar ein Kulturkaufhaus!
Die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Mein Problem dabei: die „Erweiterung des Kulturbegriffes“ war einmal gedacht als „antielitärer und antibürgerlicher“ Impuls. Es ging darum, möglichst vielen Menschen den Zugang zu kulturellen Einrichtungen zu ermöglichen und den affirmativen Charakter der Kultur zu durchbrechen. Es ging aber auch darum, eine Finanzierung der Sub-Kultur zu sichern und etwas von der „Staatsknete“ auch für Off-Theater, Museumspädagogik etc. zu sichern und nicht nur die Opernhäuser subventionieren zu lassen.

Heute gibt es aus meiner Sicht eine Inflation des Begriffes Kultur. Das „Anhängsel Kultur“ wird benutzt, um einen Nimbus zu verleihen, es adelt was auch immer und sei es nur die „Badezimmer“-Kultur. Das Problem dabei: Es ist ein semantisches Gesetz – je mehr man einen Begriff erweitert, um so dünner wird sein Inhalt und sein emotionaler Gehalt.

Die „Erweiterung des Kulturbegriffes“ hatte zur Folge, dass auf der einen Seite der Begriff  inhaltlich leer ist und dass er auf der anderen Seite nur noch dazu genutzt wird,  finanzielle Zuwendungen zu erlangen. Dieter Zimmer hat in der ZEIT  schon vor einem Jahrzehnt geschrieben: „Man kann heute öffentliche Diskussionen über Fragen der Kulturpolitik erleben, in denen ein paar verlegene, aber immerhin noch einigermaßen nüchtern und geradeaus denkende Kulturfunktionäre einem Publikum vorwiegend aus Kulturmachern gegenübersitzen, in dem abwechselnd die Depression schwelt und die Aggression lodert, da jeder am eigenen Leib zu spüren bekommt, daß die öffentlichen Mittel knapper werden. Irgendwann steht dann jemand auf, läßt sich das Mikrophon reichen und sagt: Was braucht es das Ballett – Leihbüchereien muß man bauen. Worauf der nächste einfällt: Es sei doch egal, was aus den zwanzigtausend ostdeutschen Malern und Graphikern würde – der sinnvollere Kulturbeitrag wäre es, alle Mittel in die Verringerung der Jugendarbeitslosigkeit zu stecken. Dann kommt die dritte Stimme: Die rechtsradikale Subkultur habe sich nur darum ausgebreitet, weil hier die meisten Jugend- und Kulturclubs plattgemacht wurden; also müsse der Staat vor allem Kulturclubs für die Jugend bauen, statt teure Theater zu subventionieren. Und dann gellt die vierte Stimme: Kultur, dieser elitäre Kram – was wir hier machen, das ist Kultur, Streitkultur, wir wollen das Geld …“.
Dazu hat sich bis heute nichts geändert. Eine wirkliche und eine breite (!) Diskussion über Kultur und noch weniger was Qualität für und in der Kultur bedeutet, gibt es heute in unserer Gesellschaft nicht!

Gibt es noch eine Definition? Definitionen?
Der Begriff Kultur entstammt dem lateinischen Wort „colere“:colere = anbauen, bearbeiten, Ackerbau betreiben / ansässig sein, bewohnen. Die Agratechnik wurde zum Modell des Begreifens von mentalen, sozialen, religiösen, erzieherischen Meliorationen, mithin der ‚Kultivierung‘ einer Gesellschaft oder eines Individuums. Offensichtlich enthält das Wort ‚Kultur‘ noch Erinnerungspuren daran, was heute der neolithische Sprung genannt wird: der Übergang vom Nomadischen zum Sesshaften (sehr interessant wäre einmal zu erforschen, was den der nomadische Kulturbegriff ist). Diese Orientierung beeinflusst das Wahrnehmen, Denken, Werten und Handeln! So wie der Bauer sein Feld bebaut, so bestelle der Mensch auch die Äcker seines Geistes. Cicero bezeichnet die Philosophie als cultura animi – als Pflege des Geistes! Doch war der Begriff zur Zeit der Antike ganz und gar elitär gedacht. In dieser Bedeutung wurde das Wort im siebzehnten Jahrhundert importiert. Doch schon da begann auch eine Weitung des Begriffs.

Heute gibt es keine einheitliche Definition von Kultur mehr sondern Definitionen. Es dominiert eine anwendungsbezogene Vorstellung von Kultur. Nach Thomas lässt sich das so beschrieben:
„Kultur ist ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem. Dieses Orientierungssystem wird aus spezifischen Sym- bolen gebildet und in der jeweiligen Gesellschaft usw. tradiert. Es beeinflußt das Wahr- nehmen, Denken, Werten und Handeln aller ihrer Mitglieder und definiert somit deren Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Kultur als Orientierungssystem strukturiert ein für die sich der Gesellschaft zugehörig fühlenden Individuen spezifisches Handlungsfeld und schafft damit die Voraussetzungen zur Entwicklung eigenständiger Formen der Um- weltbewältigung.“

Kultur als Orientierungssystem? Kultur als Orientierungsystem!
Ich behaupte einmal: für den größten Teil der Bevölkerung ist Kultur etwas Fernes oder etwas zu Konsumierendes. Das Kultur ein Orientierungssystem sein soll und muss, ist vielen nicht bewusst. Auch in der Politik gibt es nach meiner Ansicht kein Bewusstsein davon! Der Gipfel der „Kultur“ war Verhüllung des Reichstages vor 20 Jahren. Eine gänzlich „äußerliche“ Aktion! Häufig begegnet mir in Gesprächen die Äußerung: „Davon habe ich keine Ahnung, da sind Sie ja der Fachmann!“ Aber ist das nicht grundfalsch? Kultur soll und muss alle angehen!
Und auch viele Kulturschafende  – und ja auch ich – fühlen sich in unserer „Nische“ häufig ganz wohl. Aber wollen wir und damit zufriedengeben?

Kultur wo ist dein Stachel?
Mit diesem Thema beschäftige ich mich nun schon seit Wochen. Auch als ich zu Besuch bei befreundeten Künstlern war, kam ich darauf zu sprechen und schnell war eine Diskussion entbrannt! Besonders den Künstern war aufgefallen, dass Kultur bzw. Kunst dann „gut“ ist, wenn sie vermarket werden kann. Die viel gerühmte Kulturwirtschaft dient lediglich dazu, „affirmativ zu wirken und den wirtschaftlichen Mehrwert zu steigern. Man kennt Gerhard Richter, weil seine Bilder auf dem Markt sehr teuer gehandelt werden. Kunst ist hier zum Spekulations- und Anlageobjekt verkommen.“ Man möchte rufen, Kultur wo ist dein Stachel? Wo ist eine widerstände kulturelle Bewegung?

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Nina Simone – Revolution

Besonders erregt haben wir diskutiert, das Anträge um Geld für Projekte zu bekommen mehr als scheinheilig sind. Die sogenannte Antragslyrik kennt jeder, doch kein Aufschrei weit und breit. Die Künstlerin formulierte es so: „Man muss etwas mit benachteiligten, ausländischen Jugendlichen machen, die am besten noch ein Handicap haben, dann bekommt man die Knete!“ Was ist das für eine zynische Situation! Wollen wir uns damit abfinden?

Kultur – lasst uns darüber streiten
Klar es gibt viele Ansätze und Unterschiede darüber, was Kultur ist. Aber gerade deswegen wünscht ich mir eine gesellschaftliche Diskussion darüber, was Kultur in Deutschland sein könnte. Eine breite Diskussion darüber wäre von Nöten. In letzter Zeit haben ja die ErzieherInnen gestreikt, um auf ihr Situation aufmerksam zu machen; und die Politische Schönheit hat mit spektakulären Aktionen auf die Situation der Flüchtlinge aufmerksam gemacht.

Unsere Beiträge auf Tanjas Blog haben einen kleinen Anfang gemacht, den Kulturbegriff ins Zentrum zu rücken. Jetzt hieße es, über einen Kultur-Kanon zu diskutieren!
Kommt, lasst uns trefflich streiten!

 

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7 Antworten auf Culture isn’t dead – it just smells funny …

  1. Lieber Jörn,

    das mit der Badezimmer-Kultur ist ein super Beispiel. Mir geht aber auch immer die Hutschnur hoch, wenn von der sogenannten Kulturwirtschaft die Rede ist. Die ja angeblich solche tollen Entwicklungen macht. Tja, da sind dann vor allem die ganzen Werbeagenturen subsummiert. Und die haben ja nicht immer was mit Kultur zu tun!

    Aber was soll’s. Wir sind uns sowieso alle einig, dass es gilt, kulturelle Angebote zu stärken, vielen wenn nicht gar allen zugänglich zu machen. Meinetwegen auch mit Antragslyrik. Das sind die Ministerien mit ihren Ausschreibungskriterien selber schuld 🙂

    Aber wenn es gilt, über einen Kanon zu disktutieren, hebe ich schon mal die Hand. Bin mit dabei. Gerne auch dergestalt, dass man vielleicht mal gemeinsam etwas bewirkt. Zum Beispiel auch im Hinblick auf Kultur in diesem Internet.

    Herzliche Grüße von Anke

  2. Ein Kanon? Vielleicht sollte man ein anderes Wort finden. Ich verstehe schon das Anliegen, aber…. Für mich als Ex-Katholik klingt Kanon immer nach „Kanonischem Recht“, nach „Bibelkanon“, nach Kult. Kult mit genau festgelegtem Kodex, nach definierten Mustern, Zeremonienmeistern, nach indizierten Büchern. Und überhaupt die Gretchenfrage. In der ganzen Blogparade wurde nirgends das Wort „Kult“ erwähnt. Wie gehen „Wir“ damit in einem solchen „Kanon“ um? Mit dem Sakralen, das ja der Ursprung all unserer Kulturen ist, war, oder nicht? Und Jörn..kann es wirklich um eine „Kultur in Deutschland“ gehen? Oder geht es doch nur um Gelder für „Kultureinrichtungen“? #schwierig

  3. Tanja Praske sagt:

    Lieber Jörn,

    tja, das trifft sich mit dem, warum @cogries über den Kulturbegriff und dessen Beliebigkeit unkte. Ich schließe mich @Michael an: über ein Kultur-Kanon mag ich auch nicht diskutieren, der klingt für mich schon zu regulierend und damit für mich unbrauchbar.

    Kultur als Orientierung gefällt mir schon wesentlich besser. Ja, Kultur kann Orientierung bieten, wenn sie den Freiraum zur Selbstreflexion lässt und nicht verbindlich festgelegt wird. Aber ich glaube nicht, dass du das gemeint hast.

    Die Blogparade bot einen Anlass, sich über den Kulturbegriff des Einzelnen Gedanken zu machen. Was für mich dabei herauskam, bisher und noch unreflektiert, Kultur rüttelt auf und ist wichtig, wichtiger als Politik und Institutionen meinen. Kultur wird autonom erfahren in seinen unterschiedlichen Facetten und mir gefällt sehr, was dabei herausgekommen ist, auch dein Beitrag. Ja, ich fände es schon richtig, dass die Diskussion weitergeht. Ich fände aber auch richtig, das die Wissenschaften auch die Beiträge von #KultDef wahrnehmen, die emotional sind, von Leidenschaft triefen. Geht es am Ende neben Orientierung nicht auch um die individuelle Rezeption der Arten von Kultur.

    Dazu finde ich den Gastbeitrag von Susanne Schneider aka @sufloese sehr erhellend – der „Kulturwald“.

    Ob die Blogparade in wissenschaftlichen Diskursen Beachtung findet, keine Ahnung, verkehrt fände ich es jedenfalls nicht.

    Vielen Dank dir!

    Herzlich,
    Tanja

  4. Jörn Brunotte sagt:

    Liebe Anke,

    es freut mich, dass du „die Hand hebst“. Es würde mich freuen, wenn wir – wie vor Jahren bei der Bildung – eine breite Diskussion anstoßen könnten!

    Herzlich
    Jörn
    PS.: ein Treffen im RL wäre schön.

  5. Jörn Brunotte sagt:

    Lieber Michael,

    sehr interessant wie du „Kanon“ auffasst. Von mir war das eher „musikalisch“ gemeint. Als das gleiche Lied mit verschiedenen Stimmen und Tonlagen. Ich hatte damit also (aus der protestantisch-kirchenmusikalischen Ecke kommend) etwas ganz anders im Sinn.
    Mir ging und geht es darum, der Kultur ein breiteres und nicht ein exklusives, elitäres (Nischen-)Dasein zu verschaffen!
    Vielleicht kann ich dich ja dazu begeistern, in diesem Sinne weiterhin „mitzusingen“?!
    Ganz herzlich
    Jörn

  6. Jörn Brunotte sagt:

    Liebe Tanja,
    von mir war Kanon “musikalisch” gemeint. Als das gleiche Lied mit verschiedenen Stimmen und Tonlagen. Ich hatte damit also (aus der protestantisch-kirchenmusikalischen Ecke kommend) etwas ganz anders im Sinn. Mir ging und geht es darum, der Kultur ein breiteres und nicht ein exklusives, elitäres (Nischen-)Dasein zu verschaffen! Mit deinem Aufruf und mit den Beiträgen gibt es einen ersten Auftakt, den Begriff Kultur zu umkreisen. Es würde mich freuen, wenn wir – wie vor Jahren bei der Bildung – eine breite Diskussion anstoßen könnten!
    Ich sähe da in ersten Linie nicht die Wissenschaft sondern die Öffentlichkeit, die Medien und vor allem die Politik als Gegenüber.
    Auf jeden Fall einen Dank für die Idee und die Blogparade!
    Ganz herzlich
    Jörn

  7. Tanja Praske sagt:

    Lieber Jörn,

    oh, pardon – ja, unter Kanon verstehe ich tatsächlich etwas anderes als du. Ich leitete es von kanonisch, regelhaft, regelmentierend, einschränkend … ab.
    Von der musikalischen Seite her betrachtet bin ich ganz bei dir und ja, ich glaube auch, dass es von der Öffentlichkeit ausgehen muss. Ich würde mir auch wünschen, dass das geschieht. 74 Posts sprechen für sich. Einer kommt wohl noch und der bedarf unserer Hilfe.

    Habe dich bei Axel Kopp im Kommentar erwähnt.

    Nochmals – merci für deine wichtigen Gedanken!

    Herzlich,
    Tanja

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