Interview mit Rainer Lendler zur Zukunft der Ausstellungsgestaltung

In den nächsten Monaten möchte ich in loser Folge Interviews mit Ausstellungsarchitekten, -gestaltern, Lichtplanern, Kuratoren – also allen, die an der Realisierung von Ausstellungen beteiligt sind – über die Zukunft der Ausstellungsgestaltung sprechen.

Den Auftakt macht Rainer Lendler. Er betreibt gemeinsam mit Partnern das Büro „Lendler Ausstellungsarchitektur“ in Berlin. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Raum- und Vermittlungskonzeption für kulturhistorische Ausstellungen und Gedenkstätten.

JB: Wie gehen Sie bei der Gestaltung einer Ausstellung grundsätzlich vor? Was sind die wichtigsten Parameter?

RL: Ich glaube, dass sich die Ausstellungsszenografie, deren wichtigstes Ziel lediglich ein aufregendes Raumerlebnis ist, auf dem Rückzug befindet. Für mich stehen die Objekte, Inhalte und  Vermittlungsziele im Zentrum. Daraus leiten wir eine Gestaltung ab, die das Thema auf den ersten Blick erkennbar macht. Wir planen also einen Maßanzug für jede Ausstellung, eingepasst in die vorhandenen Räume.

JB: Wie arbeiten Sie mit den Museen zusammen?

RL: Ein enger Austausch mit den Kuratoren, vor allem über die inhaltliche Ausrichtung ist zentral, er ist von entscheidender Bedeutung für die Gestaltung. Aber auch die Einbeziehung und Abstimmung mit weiteren Projektbeteiligten wie z. B. den Restauratoren und der Verwaltung gehört dazu. Ausstellungsgestaltung ist ein Mannschaftssport!

JB: Welche Rolle spielen die musealen Objekte für Sie?

RL: Das hängt stark vom Konzept der Ausstellung ab: Bei Kunstausstellungen bedeuten Exponate üblicherweise alles. Bei anderen Ausstellungsgattungen wie Gedenkstätten bilden Exponate eine weitere Ebene der Vermittlung, ergänzend zu den Erinnerungsräumen der authentischen Orte.

JB: Welche Bedeutung hat die Vermittlung für Sie?

RL: Diesem Thema widmen wir uns heute mit neuer Intensität. Grund dafür ist die Ausdifferenzierung der Vermittlungsformate. Objekttexte und Audioguides sind nicht mehr alles. Besucher können und wollen auch anders angesprochen werden. Begriffe wie Teilnahme und Teilhabe erfordern eine erweiterte Art der Vermittlung, die sich natürlich auch in der Ausstellungsarchitektur abbildet.

JB: Können Sie uns dafür ein Beispiel geben?

RL: Zwei Beispiele aus unserem letzten Projekt, einer neuartigen Gedenkstätte in Cottbus: Auf ein Modell des Geländes mit seinen diversen Gebäuden können die Besucher verschiedenste zusätzliche Inhalte projizieren. Das geht von der Baugeschichte bis zum Tagesablauf eines Häftlings, die alle als filmische Überlagerungen des Modells abrufbar sind.
An weiteren Stellen in der Ausstellung sind die Besucher eingeladen, ihre eigene Haltung zu elementaren Menschenrechtsthemen zu reflektieren und auch zu notieren. Diese Notizen werden gesammelt und am Ende der Ausstellung zu einem großen, sich ständig erweiternden Meinungsbild zusammengeführt.

JB: Wo sehen Sie die größte Herausforderung für die Museen der Zukunft?

RL: Ich glaube, die Digitalisierung ändert grundlegend die Art wie wir Informationen aufnehmen, speichern und weitergeben. Und damit meine ich nicht das simple Einscannen von Objekten und Hochladen auf die Internetseite des Museums. Ich glaube vielmehr, dass Informationsvermittlung und Wissensbildung einerseits unabhängiger von festen Orten und traditionellen Institutionen werden. Andererseits sehe ich eine zunehmende Wertschätzung alles Authentischen, also auch originaler Objekte, wie sie Museen üblicherweise sammeln und ausstellen. Museen müssen also den Spagat meistern, einerseits an feste Häuser und reale Objekte gebunden zu sein, während sich gleichzeitig die traditionellen Strukturen und Abläufe des Wissensaustauschs auflösen. Dieser Spagat erfordert aus meiner Sicht von den Museen, ihren Platz und ihre Relevanz für die Gesellschaft neu zu formulieren.

JB: Herr Lendler, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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