Sollen die Museen wieder öffnen? Oder nach der Krise ist vor der Krise. Ein Gastbeitrag von Dr. Michael Grisko #closedoropen

Schon die Frage ist falsch. Nachdem die Kultur in den letzten zehn Wochen nicht nur in den sozialen Medien dauerhaft ihre Systemrelevanz und Unterstützungsnotwendigkeit behauptet hat, ist die sofortige Öffnung ein logischer Schritt. Auch um ihre Behauptungen zu beweisen, ihnen zusätzliches Gewicht zu verleihen.

So wie einige Institutionen ihre digitale Wandlungsfähigkeit bewiesen haben, muss die Kultur, müssen die Museen nun ihre analoge Anpassungsfähigkeit beweisen. Denn hier liegt – bei aller Digitalisierung – das Kerngeschäft. Hinzu kommt, dass Kulturinstitutionen nicht rentabel im Sinne von profitabel sein müssen, indem Einkünfte und Ausgaben in direkter Weise miteinander verrechnet werden – auch wenn ich durchaus weiß, dass die glückseligen Zeiten der Vollsubvention vorbei sind. 

Wer jetzt nicht öffnet, wer jetzt nicht seine Bereitschaft zur Anpassung zeigt, wer jetzt nicht zeigt, ich bin da, will da sein, will nicht den Anschluss verlieren – wird ihn verlieren. Auch wenn es zunächst anders sein wird. Wir tragen Masken, desinfizieren die Hände, verzichten auf Ausstellungseröffnungen, Veranstaltungen und Führungen, kurz liebgewonnene Formen und Rituale: die öffentlichen Museen können und müssen ihre Aufgaben wahrnehmen – auch wenn zunächst wenige Leute kommen, wenn die Touristen fehlen und die Einheimischen noch andere Sorgen haben. Denn mit der Öffnung geht die dringende Notwendigkeit einher, die nächste Krise vorzubereiten – und ich meine nicht eine zweite Infektionswelle.  

Denn die eigentliche Krise kommt erst noch, bestimmt und bald! Der Kassensturz am Ende des Jahres wird nicht nur fehlende Einnahmen aus Ticket-, Kaffee-, Katalog- und Merchandisingverkäufen sowie möglicherweise fehlende Sponsorengelder konstatieren. Auch die öffentlichen Haushalte werden nach großzügig ausgeschütteten Hilfsgeldern und fehlenden Steuereinnahmen feststellen, dass nicht alle Wünsche und Notwendigkeiten bedient werden können. Schon die in den letzten Jahren gestiegenen Ausgaben für Gehälter, Gebäudeunterhaltung, Versicherungen und Nebenkosten werden die öffentlichen Haushalte strapazieren, die Aufwächse in den Bereichen Investitionen und Innovationen sind da noch nicht mitgedacht. Es wird, der Steuersegen und das billige Geld der letzten Jahre haben uns in falscher Sicherheit gewiegt, zu einem längst überwunden geglaubten Verteilungskampf kommen und wieder wird die – auch dann falsche – Frage gestellt werden: Schwimmbad oder Museum?

Es geht gerade nicht um Wohlfühlkultur. Wer sich jetzt auf diese kommende, vermutlich viel schlimmere Krise einstellt, wer nicht nur jetzt, sondern während der letzten zwei Monate seine Marktrelevanz, seine Anpassungs- und seine Lernfähigkeit, seine Kundenbindungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat, wird bei der jetzt möglichen Öffnung, aber auch bei den späteren, sicher kommenden Verteilungskämpfen in der Pole-Position stehen und dann auch die besseren Argumente für sich und seine Institution haben, die dann gefragt sind.
Aber wahrscheinlich sind dies auch die Museen, die sich die Frage, ob sie jetzt öffnen sollen, nicht stellen würden und müssen.

Dr. Michael Grisko ist nach Stationen an der Universität, beim Fernsehen und am Museum seit 10 Jahren Kultur- und Stiftungsmanager in Erfurt.

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2 Antworten auf Sollen die Museen wieder öffnen? Oder nach der Krise ist vor der Krise. Ein Gastbeitrag von Dr. Michael Grisko #closedoropen

  1. Tobias Pfeifer-Helke sagt:

    Das ist die zentrale Aufgabe für die Museen im Augenblick: schnell zu begreifen, dass die Pandemie uns noch lang begleiten wird, keine Ausnahmesituation ist, sondern dringend Antworten gefunden werden müssen auf die neuen Herausforderungen und sich die Museen wieder einmal neu erfinden müssen.

  2. Pingback: Die Krise als Chance – Fazit der Blogparade #closedoropen | :beramus – Museumsberatung Berlin

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