„Mein Weg ins Museum“ – ein spannendes Projekt des Landesmuseums Mainz

Heute möchte ich Ellen Löchner zu ihrem Projekt „Mein Weg ins Museum“ interviewen:

Ellen Löchner, Leiterin der Museumspädagogik im Landesmuseum Mainz
Geboren 1967 in Mainz, Studium des Lehramtes für Kunst und Musik an der J.W. Goethe-Universität in Frankfurt, abgeordnet ans Landesmuseum Mainz seit Februar 2015, mit voller Stelle seit August 2015.

JB: Die Vermittlungsarbeit im Museum ist grundsätzlich ja sehr vielfältig und vielschichtig. Was verbirgt sich hinter Ihrem Projekt Mein Weg ins Museum“? Worin besteht der neue Ansatz?

EL: Das Museum ist ein Ort, dessen besondere Gestaltung und Atmosphäre sich nur bei einem Besuch gänzlich entfalten kann. Deshalb brauchen wir Besucher, die den Weg ins Museum finden. Auf einen Weg mache ich mich nur, wenn ich am Ziel etwas Attraktives vermute, etwas, was mich interessiert. Jugendliche zu bitten, etwas mitzubringen, was ihnen wichtig ist und sich im Museum nach Anknüpfungspunkten umzusehen, erschien mir als gute Strategie, um den Reiz des neuen Ortes mit den persönlichen Vorlieben zu verknüpfen.
Ist die Setzung „mein Gegenstand und ich gehen ins Museum“ erst einmal akzeptiert, dann kommen Fragen auf: Was gibt es zu sehen? Warum ist das alles hier? Wie finde ich mich zurecht? Was bedeutet mir mein Gegenstand genau und wie wurde er hergestellt? Was passt dazu und warum? Wie kann ich das anderen Besuchern erklären?

JB: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit der Museumspädagogik in digitale Welten vorzustoßen?

EL: Zwar bin ich alles andere als ein digital native, aber ich nutze gerne Medien aller Art. Mit jedem Medium kann man etwas Bestimmtes transportieren. Das Produkt ist immer nur so gut wie die Kreativität und Geschicklichkeit seines Nutzers. Digitale Medien haben in meinen Augen einen zutiefst demokratischen Charakter. Jeder kann damit alles produzieren, das ist zunächst eine wertneutrale Eigenschaft. Musikprogramme helfen beim Komponieren, Schnittprogramme beim Filmemachen usw. Ein Weg eignet sich für die Dokumentation mit der Kamera – wir haben sozusagen die Roadmovies in den Köpfen der Teilnehmer aufgezeichnet und können diese nun ganz vielen Besuchern unkompliziert zugänglich machen. Digitale Technik steht also in diesem Fall für angemessene Dokumentation und Kommunikation, die im Museum durch viele Medien geschieht.

JB: Zentral ist ja der Kontakt zu den Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen. Wie haben Sie diese für das Projekt gewonnen?

EL: Mein Weg zu den Jugendlichen führte über das Bildungsforum Mainz e.V., ein Zusammenschluss von türkischen Frauen, die einen Jugendtreff für Kinder aus ihrem Umfeld ins Leben gerufen haben. Nach dem „Prinzip große Schwester“ betreuen sie Kinder ab dem Grundschulalter bis zum Schulabschluss, ins Studium oder in die Berufswahl. Diese vorhandene Struktur mit all dem eingebrachten Vertrauen durfte ich nutzen. Ähnlich erging es mir beim zweiten Kooperationspartner, der Leibniz Grundschule in Mainz. Hier durfte ich den Unterricht besuchen, um über das Projekt zu informieren und zur Führung durch die „Großen“ einzuladen. Dadurch konnte ich die Kinder dort treffen und ansprechen, wo sie in ihrem nicht ganz einfachen Wohnumfeld der Mainzer Neustadt eine verlässliche Basis haben.

 JB: Wie sah der Ablauf des Projektes konkret aus? Wer hat bei der Umsetzung mitgewirkt? Woher kam die Finanzierung?

EL: Der Ablauf des Projektes ist vom Museumbund klar vorgegeben und basiert auf dem Einsatz von peer-to-peer-Lernen. Zunächst wurden die neun Peer-Teamer im Alter zwischen 11 und 18 Jahren mit dem Museum und dem Gebrauch der digitalen Medien vertraut gemacht. Dann entschieden sie sich für ein Partnerobjekt zu ihrem Gegenstand und dokumentierten beide Gegenstände und ihre Suche in Videoclips von etwa 90 bis 200 Sekunden Länge. Die ganze Arbeit wurde in einem Blog dokumentiert. Anschließend luden wir die Peers ein, also die jüngeren Kinder und sie wurden zu den Gegenständen geführt. Insgesamt verbrachten die Teilnehmer fünf Wochenenden im Museum. Jetzt stehen wir kurz vor der letzten Station, dem Abschlussfest. Dann haben die Videoclips Premiere und stehen als eBook oder per QR-Code Besuchern zur Verfügung.
Die Umsetzung wurde getragen von der Medienpädagogin Dorle Voigt, dem Kunsthistoriker Fabian Lenczewski und der Journalistin Ruth Preywisch. Phasen mit gemeinsamen Übungen und Planungen wechselten mit ganz individueller Betreuung. Das war anstrengend, aber ungeheuer fruchtbar. Meine Kollegin Emily Löffler gab Einblick in ihre Arbeit als Provenienzforscherin, und die Projektteilnehmer waren sehr berührt von ihrer detektivischen Arbeit, die meistens zu einem traurigen Schicksal führt und selten zur Restitution. Zur Vorbereitung der Führung hatten wir uns die Theaterpädagogin Judith Senger eingeladen, auch das war ein toller, intensiver Tag.

Das Geld kam als 100%-Förderung via Deutschem Museumsbund vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Das Projektbüro des Museusmbundes in Berlin steht geduldig helfend zur Seite, von der Gestaltung des Antrags auf Förderung bis zum Verwendungsnachweis.

JB: Auf welche Art und Weise werden die Ergebnisse des Projekts präsentiert?

EL: Der Blog zeigt unsere ganze Arbeit. Das Ergebnis besteht aus zwei Komponenten: Den Videoclips, welche wir als eBook auf ausleihbaren Geräten oder zum Download auf das eigene Smartphone (da sind wir noch am Tüfteln) präsentieren. Außerdem kann man sie sich über QR-Codes an den Exponaten ansehen. Und der Führung, die wir bereits einmal wiederholt haben.

JB: Was planen Sie als nächstes für die Zukunft?

EL: Natürlich würde ich diese Arbeit gerne in den museumspädagogischen Alltag überführen, den Blog weiter pflegen, mehr Gegenstände mit diesen persönlichen Geschichten anreichern, Jugendliche zu Museums-Experten ausbilden. Ein Museumsklub für Kinder und Jugendliche von acht bis achtzehn Jahren soll dafür den Rahmen geben.

JB: Liebe Frau Löchner, ich danke Ihnen für das Gespräch!

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