„Emil Nolde. Die Grotesken“ – Ein Museumsbesuch in Wiesbaden

Grotesk und fantastisch, schrill und überdreht – so sind Noldes Werke, die in Wiesbaden zu sehen sind. 20 Gemälde und 90 Werke auf Papier mit Fabelwesen in knalligen Farben. Nolde selbst nennt die Wesen „grausig, drollig und lustig, böse, gut und lieb“, die seine „köstliche, seltsam reiche Wunderwelt“ bevölkern.

Emil Nolde „Begegnung am Strand“, Gemälde, 1920,  ©Nolde-Stiftung Seebüll

Diese Traum- und Fabelwesen, die nun in dieser Fülle erstmals ausgestellt werden, zeigen ein ganz anderes Bild als die schönen Blumen- und Meeresbilder, die man kennt. Hier ist eine archaische Bilderwelt zu sehen – mehr böse als gut, mehr Trieb als Eros, mehr absurd als real. Das Unbändige ebenso wie das Unbezähmbare!

Der Anfang der Ausstellung ist tatsächlich noch eher harmlos und lustig. Nolde, um 1895 in St. Gallen als Zeichenehrer tätig, entwarf eine Reihe von Postkarten. In diesen Ansichtskarten gab er den steinernen Alpenwänden menschliche Gesichtszüge. Erst waren  es Zeichnungen für Freunde. Weil diese aber so gut ankamen und großen Anklang fanden, ließ Nolde diese auf eigenen Kosten als Postkaten drucken.

Emil Nolde, Das Matterhorn lächelt, Bergpostkarte, 1896. ©Nolde-Stiftung Seebüll

Die Postkarten waren ein voller Erfolg und sicherten Nolde ein regelmäßiges Einkommen.

Noldes absurde Bilderwelt war nach Selbstaussage schon früh in seiner Phantasie angelegt: schon als Kind sah er in mancher Wolke eine Fratze oder in einem Baumstamm einen Dämon. Diese ausgeprägte Pareidolie, das Phänomen, in völlig abstrakten Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen, wurde bei Nolde zu einer ästhetischen Strategie. Das Unbändige ebenso wie das Unbezähmbare zeigt sich in seinen Bildern.

Emil Nolde „Tolles Weib“, Gemälde, 1919, ©Nolde-Stiftung Seebüll

In der künstlerischen Umsetzung ist er ein großer Könner der Nass-in-Nass-Technik. Die formale Gestalt ist lediglich durch die relativ kleinen Formate vorgegeben. Dominant ist die Farbe: die Farbe leuchtet nicht nur, sie schreit einem entgegen. Starke Farbkontraste mit großem Effekt!

Emil Nolde, Frühmorgenflug, Gemälde, 1940. ©Nolde-Stiftung Seebüll

In den Bildern der Wiesbadener Ausstellung malt Nolde das Unzivilisatorische, das Ungezügelte, das „Barbarische“. Und das auf für die Zeit sehr originelle und unkonventionelle Weise, obwohl er politisch bis zum Kriegsende ein überzeugter Nationalsozialist und Antisemit war. Das NSDAP-Mitglied Nolde führte einen Kulturkampf gegen die „herrschende Überfremdung“, in Briefen an Goebbels selbst biederte er sich als fanatischer Antisemit an.

Emil Nolde, Alter Bärengeist über schlafendem König, Aquarell ©Nolde-Stiftung Seebüll

Der Schriftsteller und Kritiker Walter Jens, deutete 1967 erstmals öffentlich an, das Nolde kein Mitläufer oder gar in der „inneren Emigration“ war. Im August 1967 feierte man auf Seebüll den hundertsten Geburtstag des Malers. Jens hielt die Festrede und zeigte sich in hohem Maße irritiert über dessen „antithetisch-rohe Ideologie: das Deutsche gut, das Französische bös“. Er sprach vom „antizivilisatorischen“ Nolde, bei dem „die Ideale der Reinrassigkeit triumphieren“, und vom „Parteigenossen“, der „die Zukunft der Kunst“ mit „judenferner Kunst“ gleichsetzt. Es war das erste Mal, dass dergleichen offiziell publik wurde!

Auf der anderen Seite haben wir Noldes Kunst. Diese ist dem Ideal der Natioanalsozialisten diametral entgegengesetzt. Jens bemerkte dazu in der Festrede klug: Im Fall Nolde handle es sich deshalb „um einen weiteren Beleg für die Gültigkeit des Gesetzes, . . . daß ein bildender Künstler seine weltanschauliche Position, im Akt des Bildens und Malens, preisgibt, ja, daß er die theoretisch begründete Position als Praktiker in ihr Gegenteil verkehrt.“

Fazit: Eine sehr gelungen Auswahl von bisher eher unbekannten Werken Noldes. Einziger Wermutstropfen ist die Beleuchtung und, dass die verglasten Werke nicht entspiegelt sind, was zu Irritationen und Ablenkung von dem eigentlichen Werk führt. Ansonsten sollte man sich die Ausstellung nicht entgehen lassen!

PS.: Lassen Sie sich von der Baustelle nicht irritieren. Das Museum ist geöffnet!

Museum Wiesbaden: bis zum 9. Juli.
Zur Ausstellung ist im Verlag Hatje Cantz ein Katalog erschienen.
www.museum-wiesbaden.de

 

 

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