Alltag und Feste in Zeiten des Terrors – Odo Marquards „kleine Philosophie des Festes“

In diesen schwierigen Zeiten, mit einer neuen Dimension von Gewalt, mit Terroranschlägen auf der ganzen Welt und Kriegen in Nahost fiel mir der Aufsatz „Moratorium des Alltages. Eine kleine Philosophie des Festes“ von Odo Marquard (in: Zukunft braucht Herkunft, Philosophische Essays) in die Hand. Auf den ersten Blick scheint sein kurzer Essay mit Terror, Gewalt und der aktuellen Weltlage nichts zu tun zu haben. Doch beim Lesen kamen einige wichtige Erkenntnisse.

Der deutsche Philosoph Odo Marquard gehörte zu den einflussreichsten Vertretern der modernen Skepsis. In seinen Werken hat er immer wieder „das Hohelied des Pluralismus“ gesungen. Sein politisches Denken kreist um die Frage, welche Bedeutung der Begriff „bürgerlich“ in der heutigen Zeit noch haben kann? Seine Erfahrungen in der Zeit des Nationalsozialismus haben Odo Marquard zum überzeugten Relativisten und Anti-Totalitaristen gemacht. Seine Philosophie – eine Philosophie der Skepsis – lässt sich verstehen als Absage an alles Totale, Prinzipielle.

Die Dialektik von Fest und Alltag
In seinem Essay geht es Marquardt um „Eine kleine Philosophie des Festes“. Alltag und Fest stehen sich gegenüber und bedingen sich. Eine der Entdeckungen der Philosophie ist die Wichtigkeit des Alltags. Diese Überhöhungen durch Pathos, Heroismus oder sogenanntem Idealismus, für die die Philosophie sich ja auch hergegeben hat, scheitern daran, dass man im Alltag zurechtkommen muss.
Man darf weder das Fest verabsolutieren noch den Alltag – es kommt darauf an, dass die Differenz bestehen bleibt. Es ist eine richtige, fast „spießbürgerliche“ Erkenntnis: Im Alltag geht man seinen Geschäften nach, und zum Ausgleich für das Anödende der Routinen werden Feste benötigt. Man möge weder das Fest durch den Alltag noch umgekehrt den Alltag durch das Fest ersetzen. Sonst wird die Balance zerstört.  Diese Balance ist eine Voraussetzung für ein gutes Leben.

Früher habe ich an Marquards Text eines wenig aktuell gefunden: nämlich, dass der Alltag durch den Krieg kompensiert werden könnte. Der Krieg ist eines der Versprechen, aus dem Alltag herauszukommen. Warum haben so viele Leute den Krieg akzeptiert? Weil er ihnen auch half, das Joch des Alltags loszuwerden. Künstler, Intellektuelle haben den Krieg gutgeheißen und die Flucht aus der Alltäglichkeit propagiert. Vor dem Ersten Weltkrieg war eine Begeisterung spürbar – eine Beschwörung des „Außergewöhnlichen“! Und auch vor dem 2. Weltkrieg war dieses Phänomen wieder zu erkennen.

Wider den Ausnahmezustand!
Heute merkt man der internationalen Lage an, dass der Ausbruch aus der Alltäglichkeit ein Tagesordnungspunkt ist und dass der Krieg sich auch auf Gegenden ausdehnen könnte, in denen man den Frieden für eine Selbstverständlichkeit hält, zu der man nichts mehr beitragen muss! Revolutionäre Geister würden bei Marquards philosophischen Gedanken aufheulen und schreien: Ein Fest darf nicht dazu führen, sich mit dem erdrückenden Alltag zufriedenzugeben! Aber – Klugheit definiert Marquard als die Fähigkeit, den Ausnahmezustand zu vermeiden. Für Revolutionäre ist es klug, den Ausnahmezustand herbeizuführen. Man denke nur an die Anschläge in Paris, Brüssel und Lahore. Das  Ziel dieser perfiden terroristischen Anschläge ist es, den Alltag zu verhindern! Marquard lehrte keine Zufriedenheit mit dem Erdrückenden. Er lehrte einen Reformismus, eine Verbesserung der Arbeitswelt und „eine neue Kultur der Feste“.

Fest und Ästhetik
Das „Fest“, das Nichtalltägliche ist allerdings nur solange nicht alltäglich, solange es nicht vom Alltag korrumpiert ist und selbst zum Alltäglichern wird. Man kann den Alltag nicht auf Dauer außer Kraft setzen. Es ist letztlich doch das Einmalige und Auffallende, das Seltene und Herausragende, das Überraschende und Plötzliche, das die Durchkreuzungen und Unterbrechungen der Alltagserfahrung ermöglicht. Jeder Unfall, jede folgenreiche Begegnung, jeder Urlaub, jeder terroristische Anschlag, jede Fußballweltmeisterschaft,  jede Geburt, jeder Tod kann und muss als Unter- und Durchbrechung des Alltages erlebt und gewertet werden. Zumindest dort, wo die Unterbrechung des Alltags gesucht oder zumindest als beglückend empfunden wird, spielt auch die ästhetische Dimension eine entscheidende Rolle. Im Urlaub achten wir mehr auf die Formation von Landschaften als im Alltag. Menschen, denen es zum Beispiel nie einfiele, in der Stadt, in der sie leben, ein Museum oder eine Kirche zu besuchen, werden zu Kunstinteressierten, kaum sind sie in einer anderen Stadt.

Die Kultur des Festes pflegen
Nach Marquard sind die menschlichen Feste so zu pflegen, dass bei Ihnen „alle dreimenschlichen Lebensformen, die die antike Ethik unterschied – das genießende Laben, das praktische Leben, das beschauliche Leben – auf ihre Kosten kommen können. Die genießenden Menschen amüsieren sich beim Fest; die praktischen Menschen machen  beim festumgebenden Rummel  ihr Geschäft; die frommen und beschaulichen Menschen aber begehen das Fest, wie es … zentral gemeint ist: beschaulich, bittend und dankend, betend. Auf diese Weise – in all seinen Formen , vor allem aber nicht als Ersetzung, sondern als Ergänzung des Alltags – brauchen wir Menschen das Fest. Denn der Mensch ist das exzentrische Lebewesen, das ohne das Fest nicht auskommen kann.
Entweder feiert der Mensch Feste, oder er sucht sich schlimme Erstformen des Festes – bis hin zum Krieg.“

Wir haben die Wahl, lasst uns die Feste „wählen“!

 

 

 

 

 

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