Wiedereröffnungen, Mundschutz und neue Programme: Berliner Ausstellungshäuser passen ihren Betrieb der Coronakrise an. Von Claudia Wahjuhdi #closedoropen

So viel ist sicher: Normal wird nichtsAb 4. Mai können in Berlin Museen, Kunstvereine, Kommunale Galerien und andere nichtkommerzielle Ausstellungshäuser nach rund sieben Wochen pandemiebedingter Pause wieder öffnen, doch den großen Paukenschlag wird es nicht geben. So wenig, wie die privatwirtschaftlichen Galerien Ende April gemeinsam die Türen aufschlossen, so wenig haben die Institutionen einen gemeinsamen Stichtag. Zwar gilt der 11. Mai unter Fachleuten als realistisches Datum, doch die Starttermine werden sich bis in den Juni ziehen, und dafür gibt es gute Gründe. 
Den 11. Mai hat sich die Berlinische Galerie zum Ziel gesetzt. Die Direktion hat die für April geplante Schau der Berliner Bildhauerin Alicja Kwade verschoben und zeigt stattdessen bereits stehende Ausstellungen: Umbos Fotografien, Beate Gütschows Landschaftsbilder sowie Bettina Pousttchis Fassadenarbeit, Skulpturen und Fotos. Statt in den Aufbau einer neuen Schau kann das Team seine Arbeitskraft in die Umgestaltung des Museums stecken, in dem nun Abstands- und Hygieneregeln gelten. Dazu zählen neben Mundschutz und Plexiglas auch Leitsysteme für das Publikum, womöglich der Online-Verkauf von Eintrittskarten sowie die Organstation von Führungen für kleine Gruppen und Veranstaltungen, die entweder digital oder „bei schönem Wetter auf dem Museumsvorplatz“ stattfinden könnten, wie es aus dem Haus heißt. Die Berlinische Galerie macht vor, womit das Kunstpublikum vielerorts rechnen muss: weniger spontane Besuche, Zeittickets, Absagen bei Regen. 

Einen großzügigeren Zeitplan hat die Akademie der Künste. Mitte Juni kann es werden, bis sie ihre Tore aufmacht. Die Akademie befindet sich in der glücklichen Lage, dass sie fast zeitgleich mit der Schließung Mitte März eine überaus geglückte Online-Präsentation mit Montagen des Grafikers John Heartfield im Netz veröffentlichen konnte (www. johnheartfield.de). Als mögliches Datum der Wiedereröffnung komme nun Heartfields Geburtstag am 19. Juni in Frage, sagt eine Sprecherin des Hauses. Die Zeit bis dahin nutzt die Akademie unter anderem für die Produktion eines Films über die bereits aufgebaute analoge Heartfield- Ausstellung am Pariser Platz und deren pandemiegerechten Umbau. Vor allem aber lässt man hier Vorsicht walten und „beobachtet die Entwicklungen“. Es wären vergebliche Mühen und Kosten, jetzt zu öffnen, um wenig später erneut schließen zu müssen, weil eine steigende Infektionsrate neuerliche Einschränkungen nötig macht. Zudem können Lieferengpässe die Arbeiten erschweren: Plexiglas, Leitsysteme für Besuchende und Mundschutz benötigen jetzt alle Museen. 
In der Pandemie muss viel bedacht werden, was sonst selbstverständlich ist. So soll im Neuen Berliner Kunstverein eine zusätzliche Aufsicht darüber wachen, dass tatsächlich nur eine Person eine Videokabine betritt, wie Direktor Marius Babias berichtet. Aus der Ausstellung der Senatsstipendiat*innen, die bis 10. Mai zu sehen sein soll, wurde zudem eine VR-Brille entfernt, die entsprechende Arbeit musste für die Präsentation auf einem Monitor umgestaltet werden. 
Vor besonderen Herausforderungen stehen freie Projekträume wie Savvy Contemporary in Wedding, ein auf Fragen der Dekolonialisierung spezialisierter Ausstellungsort. Hier will sich das Team zunächst auf digitale Produktionen wie ein Radioprogramm konzentrieren und plant, im Laufe des Mai dann sein Archiv vor Ort im Kulturquartier Silent Green zugänglich zu machen, sozusagen die Vorratskonserven zu öffnen. Denn bei Savvy wirken vor allem Ehrenamtliche mit, die ihre Arbeit für den Projektraum nun neben dem erschwerten Gelderwerb stemmen müssen. Den geplanten Umzug aus dem Silent Green Quartier an den nahen Nettelbeckplatz zumindest, sagt Anne Jaeger von Savvy, werde das Team wohl in den August verschieben können und so etwas Luft gewinnen. 

Warten, Mundschutz mitbringen 
Wiedereröffnungen, Mundschutz und neue Programme: Berliner Ausstellungshäuser passen ihren Betrieb der Coronakrise an Offenbar verhält sich im Ausstellungsbetrieb ähnlich wie im Yoga: ein jeder gemäß seines Charakters und seiner Möglichkeiten, sprich: Finanzen, Teamgröße und Absprachen mit Fördernden. Denn diese müssen einer Verschiebung oder Verlängerung des von ihnen unterstützten Programms zustimmen. Daher sehen die Pläne Berliner Ausstellungshäuser sehr unterschiedlich aus: 
– Bereits seit 6. Mai zeigt das private Palais Populaire in Mitte Christo und Jeanne- Claude und das ebenfalls privat geführte Kindl-Zentrum in Neukölln Isa Melsheimer 
– die Staatlichen Museen Berlin werden ihre 19 Museumsgebäude und drei Sonderausstellungshallen Schritt für Schritt öffnen, die Reihenfolge stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest 
– die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten hat bereits vor dem 4. Mai in Potsdam unter anderem das Belvedere auf dem Pfingstberg aufgeschlossen, ab 12. Mai sollen einzelne Gebäude am Schloss Charlottenburg folgen 

– die Stiftung Stadtmuseum mit ihren fünf Häusern wird voraussichtlich zuerst das Museumsdorf Düppel zugänglich machen Unter freiem Himmel können Besuchende den gebotenen Abstand am ehesten einhalten – in Charlottenburg verlängert das Käthe-Kollwitz-Museum seine Sonderausstellung mit Kollwitz’ Arbeiten zum Thema „Mutter und Kind“ bis Anfang Juli, öffnet jedoch täglich nur noch bis 16 statt 18 Uhr 
– das Team der Kunst-Werke arbeitete bei Redaktionsschluss noch an neuen Terminen 

„Handschuhe sorgen für Wachsamkeit und man schaut genauer hin“ 
Nicht zuletzt aber liegt es am Publikum, ob die Wiedereröffnungen gelingen. Dazu zählt, Wartezeiten zu ertragen, Abstand zu halten, Mundschutz mitzubringen und gegebenenfalls Schutzhandschuhe zu tragen. Wie sich das anfühlt, ließ sich bereits in Berliner Galerien erfahren, etwa in der Galerie Guido W. Baudach in Tiergarten, die Arbeiten von Philipp Modersohn zeigt. Der Berliner Künstler visualisiert Erdgeschichte und den Treibhauseffekt. Seine Rauminstallation und Wandobjekte lassen sich nur vor Ort erfassen – mit Details wie filigranen Kieselsteinen und der Wärme in Modersohns Treibhaus aus Kunststoff. Vor allem die Handschuhe sorgen für Wachsamkeit: Auch wer gar nichts anfassen will oder darf, schaut mit eingeschränktem Tastsinn unwillkürlich genauer hin. So fallen die feinen Körnchen Quarzsand auf dem Dach des Treibhauses bestechend klar ins Auge. 
Viele Galerist*innen planen ihr Programm um. Vor einem Besuch empfiehlt sich daher eine telefonische Erkundigung. Ausstellungen werden verschoben wie die von Marcius Galan bei Gregor Podnar, die nun auf den Herbst terminiert ist, wenn das diesjährige Gallery Weekend zur Art Week stattfinden soll. Andere werden verlängert wie bei Barbara Wien, die Installationen von Georges Adéagbo nun bis zum 1. August zeigt. In Adéagbos großen Arrangements aus Fund- objekten ist die Corona-Krise bereits Thema: Als der Künstler aus Benin Anfang des Jahres in Paris begann, das Material zusammenzutragen, kam die Pandemie dort gerade an. 
Verlängert haben auch die Schöneberger Galerie Zwinger und der Kunstverein Tiergarten in der Moabiter kommunalen Galerie Nord, die gemeinsam Arbeiten von Käthe Kruse zeigen. Die Berliner Künstlerin und Musikerin hat Schlagzeilen aus Zeitungen zusammengetragen. Bei Zwinger finden sich die Überschriften auf Blättern weißen Papiers getippt wie Gedichtzeilen; im Kunstverein hängen konzeptuelle Gemälde mit alphabetisch sortierten Schlagworten aus den Zeilen. Die Vokabel-Sammlung wollte Kruse ursprünglich live lesen, begleitet von der Pianistin Myriam El Haik und der Schlagzeugerin Edda Kruse Rosset. Nun ist eine Aufführung im Netz geplant, bereits erschienen ist die Komposition für Klavier, Percussion und Kruses Fundworten auf Schallplatte. Und bis der Kunstverein Tiergarten am 11. Mai aufschließt, liest Kruse auf den Internetseiten des Kunstvereins jeden Tag einen anderen Abschnitt aus ihrer Sammlung vor. Denn bei allen Mühen für Kunsthäuser und Publikum ist schließlich eines zu beachten: Ausstellungs- und Veranstaltungshonorare benötigen Künstler*innen jetzt dringender als je zuvor. 

Mit freundlicher Genehmigung von Zitty und tip Berlin

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