„Ich spucke gegen den Wind“ – Seefrauengarn von Joan Lowell

1929 erschien in dem erst fünf Jahre zuvor gegründeten, New Yorker Verlagshaus „Simon & Schuster“ ein Buch, das sich sofort zu einem Bestseller entwickelte.  Unter dem Titel „Cradle of the Deep“ veröffentlichte die damals 22jährige Schauspielerin Helen Joan Lowell ihre atemberaubende Autobiographie, in der sie ihre ersten Lebensjahre auf See beschrieb. Die Kapitänstochter aus Berkeley, Kalifornien, schilderte der begeisterten Leserschaft detailliert und mit großen Portionen derben Humors gewürzt, das Leben an Bord des Handelsschoners „Minnie A. Caine“,  welches sie von Kindesbeinen an, genauer gesagt im Alter von einigen wenigen Monaten bis zu ihrem 17. Lebensjahr, aus eigener Anschauung kannte. „Der Gestank faulender Kopra und verwesender Perlmuscheln, der Duft des Sandelholzes, das in kleinen Bündeln bei uns an Deck hoch gestapelt war, der scharfe Dunst einer Guanoladung oder der Geruch in Säcken übernommener Paranüsse, – diese Dinge und die Gegenden, aus denen sie stammten, sowie die Menschen, die uns diese Waren brachten, das war der Rahmen meines täglichen Lebens“, heißt es in der Einleitung, die den Titel „Ich spucke Bogen gegen den Wind“ trägt. Und weiter fährt die Autorin fort: “Meine Märchen waren die Seemannslegenden, die mir unsere Matrosen erzählten: den Kern meiner Lebenserfahrung bildeten die jähen Stürme und die verblüffenden Windstillen im tropischen Gürtel und  – die Kameradschaft mit alten

Salzwassermatrosen.“ Das Buch rockte die amerikanische Leserschaft. Innerhalb weniger Wochen waren sensationelle Verkaufszahlen zu verzeichnen. Bis herauskam, dass alles mehr oder weniger meisterhaft geflunkert war, sozusagen „Seefrauengarn“ allerbester Qualität. Zwar kannte die begabte Literatin das Bordleben durchaus aus eigener Anschauung – jedoch nur aus einer wenige Wochen dauernden Hafenperspektive. Die Presse überschlug sich mit hämischen Pamphleten und Postillen, doch Lowell trug den Skandal mit Fassung. Schließlich hatte sie eine großartige Geschichte geschrieben, oder etwa nicht? In den 1930er Jahren arbeitete sie als Zeitungs- und Radioreporterin, 1936 heiratete sie ihren zweiten Ehemann, einen Kapitän. Das Ehepaar ging nach Brasilien und bewirtschaftete eine Kaffeeplantage. Lowell starb 1967. Geflunkert oder nicht – ihr Buch wurde weiterhin aufgelegt und hielt sich viele Jahre auf den internationalen Bestsellerlisten. Die deutsche Erstausgabe erschien 1951 im Rowohlt-Verlag. „Dieser weibliche Janmaat“, so heißt es im Vorwort über die Autorin, „führt die Frage der Frauen-Emanzipation ad absurdum. Denn so wandeln sich die Zeiten: Robinson Crusoe brauchte einen Biographen, aber Miss Robinson steuert mit der Linken ein großes Segelschiff, mit der Rechten die Feder“. Das Buch sei, so ist zu lesen, ein einzigartiges Dokument einer einzigartigen Jugend: „prachtvoll naiv, ursprünglich, vollsaftig, ein wahrhaft seemännisches Buch und zugleich die Autobiographie eines bezaubernden Frauenzimmers, das unter rauhen Seebären und rauhen Stürmen allen Versuchungen und Gefahren ausgesetzt war, ihnen aber an Leib und Seele rein und unbefleckt entrinnen konnte, weil sie das Herz und den Mund auf dem rechten Fleck hatte und den Stürmen des Lebens und des Meeres mit Humor zu begegnen wußte“.

Mit „Ich spucke gegen den Wind“, so der deutsche Titel, hat Joan Lowell der Welt einen wunderbaren und auch heute noch absolut lesenswerten, durchaus skurrilen Roman hinterlassen, der sich innerhalb der illustren Bandbreite maritimer Literatur keinesfalls verstecken muss. 

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