Wie stellt man Literatur aus (3)

Das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg

In Rheinsberg, im berühmten Schloss, befindet sich das Tucholsky-Museum. Mit der Erzählung Rheinsberg: Ein Bilderbuch für Verliebte trat der bis dahin als Journalist bekannte Kurt Tucholsky 1912 ans Licht der literarischen Öffentlichkeit und erzielte seinen ersten großen Erfolg.
1993 wurde das Literaturmuseum eröffnet und ist bis heute das einzige Tucholsky-Museum in Deutschland.

Dr. Peter Böthig ist Literaturwissenschaftler und leitet seit 1993 das Kurt Tucholsky Literaturmuseum.

JB: Seit vielen Jahren residiert das Tucholsky-Museum im Schloss Rheinsberg. Wie kam es denn dazu, dass in dieser adeligen Umgebung an einen sehr demokratischen Literaten gedacht wird?

PB: Das Museum, damals noch als „Gedenkstätte“, öffnete im Frühjahr 1991 seine Pforten. Kurz zuvor war das Diabetiker-Sanatorium aus dem Schloss ausgezogen, und die ersten Räume wurden restauriert. Allerdings sollte das eigentlich schon viel früher sein, laut einem DDR-Ministerratsbeschluss von 1988 sollte der 100. Geburtstag Tucholskys im Januar 1990 mit der neuen Gedenkstätte gefeiert werden. Dazu kam es dann nicht, weil die Menschen anderes vorhatten und erst einmal einen Staat abschaffen mussten.

JB: Wie stellt man eine so prominente Persönlichkeit wie Kurt Tucholsky aus? Besteht nicht die Gefahr, dass die Literatur und sein Werk in den Hintergrund tritt?

PB: Warum sollte diese Gefahr bestehen? Tucholsky war ein ungemein vielseitiger und produktiver Schriftsteller – er brauchte immerhin mehrere Pseudonyme, um sein umfangreiches Werk unter die Leute zu bringen. Da stecken so viele Themen drin, die sich auf die Gegenwart beziehen lassen, dass er immer wieder mit seinen Werken überraschen kann.

JB: Wie ist die Dauerausstellung konzipiert?

PB: Sie ist chronologisch in sechs Kapiteln organisiert. Jedes Kapitel hat eine eigene Hintergrundfarbe, so dass sich der Besucher selbst orientieren kann. Dann bietet sie mehrere Ebenen, eine erste für einen kurzen Überblick, eine zweite für eine intensivere Beschäftigung vor allem mit seinem Leben, und dann noch eine dritte (hierzu muss der Besucher Schübe in den Vitrinen öffnen), die sich verschiedenen seiner Themen widmet.

JB: Was ist das Ziel des Museums?

PB: Eine lebendige, selbstbestimmte Begegnung mit dem Autor zu ermöglichen. Die Besucher zur Reflexion anzuregen und Lust auf das Lesen seiner Texte zu machen.

JB: Verfügt das Museum über eine große Sammlung? Voraus besteht die Sammlung und stammen die Objekte aus dem Nachlass von Tucholsky?


PB:
Ja, wir habenmittlerweile eine umfangreiche Sammlung mit mehreren Tausend Exponaten, darunter auch Objekte aus seinem Nachlass, aber auch einige Dutzend Autographen, sämtliche Erstausgaben, Teile seiner Bibliothek und viele Dokumente.

JB: Wonach suchen Sie die Themen der Sonderausstellungen aus?

PB: In der Galerie des Museums zeigen wir hauptsächlich Ausstellungen mit Gegenwartskunst, einige mit Partnern wie der Akademie der Künste Berlin, aber auch Literaturausstellungen, die wir selbst oder auch gemeinsam mit Partnern wie dem Brandenburgischen Literaturbüro erarbeiten. In einem kleinen Raum, den wir „Archivschaufenster“ nennen, zeigen wir kleinere thematische Ausstellungen, oft mit Exponaten aus unseren Archiven, die nicht in die Dauerausstellung aufgenommen werden konnten.

JB: Welche Rolle spielen Veranstaltungen für Ihr Museum? Welche bieten Sie an?

Lesung Wiglaf Droste. 2009, als er Stadtschreiber in Rheinsberg war.

PB: Wie bieten etwa monatlich eine Lesung mit AutorInnen an, die aus neu erschienenen Büchern lesen. Damit halten unsere Gäste Kontakt zur aktuellen Gegenwartsliteratur.

JB: Das Tucholsky-Museum ist nicht in den Social Media aktiv. Warum verzichten Sie darauf? Sehen Sie darin keine Chancen?

PB: Ganz einfach aus Zeitgründen. Unsere personellen Ressourcen geben ein regelmäßige „Bespielen“ der Social Media nicht her. Wir nutzen unsere Internetpräsenz und etliche Portale, um uns digital sichtbar zu machen.

JB: Mit welchen anderen (Literatur-)Museen kooperieren Sie?

PB: Oh, mit sehr vielen, sowohl regionalen wie überregionalen. Eine sehr gute Plattform für Austausch und Vernetzung bietet die „Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten“, unser Dachverband, in dem mittlerweile über 260 Literaturgesellschaften und Museen aus ganz Deutschland vertreten sind.

JB: Was sind die Pläne des Kurt Tucholsky-Museums für die Zukunft?

PB: Wir werden demnächst unsere Homepage „relaunchen“. Zum Ende des Jahres wird ein Buch erscheinen, im dem Texte aller bisherigen 50 Rheinsberger StadtschreiberInnen versammelt sind. Und wir wollen noch viel weiter bei der Digitalisierung unserer Bestände kommen.

JB: Lieber Herr Dr. Böthig, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Alle Fotos: © Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum bis auf das Schloss Rheinsberg: Foto beim Autor

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